Blog: Wann ist es zu spät, zu beginnen?
Spoiler: Eigentlich nie. Und trotzdem gibt es gute Gründe, möglichst früh einmal Bühnenluft zu schnuppern – besonders dann, wenn aus dem Interesse an Schauspiel, Tanz, Film oder anderen darstellenden Künsten vielleicht einmal ein Beruf werden soll „Ich habe erst mit 16 angefangen. Ist das nicht viel zu spät?“ Diese Frage begegnet mir immer wieder. Von Jugendlichen selbst, aber auch von Eltern, die sich fragen, ob der Zug für eine künstlerische Laufbahn nicht längst abgefahren ist. Meine Antwort darauf ist ziemlich eindeutig: Nein.
Man muss nicht als Kind auf der Bühne stehen
Es gibt keine magische Altersgrenze, ab der man plötzlich nicht mehr schauspielern, tanzen oder auf einer Bühne stehen kann. Im Gegenteil: Gerade Jugendliche und junge Erwachsene bringen Fähigkeiten mit, die für künstlerische Arbeit enorm wertvoll sind. Sie können ihre eigenen Erfahrungen reflektieren, komplexere Figuren verstehen, gesellschaftliche Themen einordnen und zunehmend bewusst mit ihrer eigenen Wirkung umgehen.
Auch wer mit 14, 16 oder 18 zum ersten Mal auf einer Bühne steht, kann noch sehr viel lernen. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob jemand bereits Erfahrungen mit Auftritten, Proben und künstlerischen Gruppen gesammelt hat – oder ob all das komplett neu ist.
Das wird besonders interessant, wenn Jugendliche irgendwann sagen: Ich könnte mir vorstellen, Schauspieler*in zu werden. Oder Tänzer*in. Oder vielleicht vor der Kamera zu arbeiten.
Erfahrung macht einen Unterschied
In meiner Arbeit mit angehenden Schauspieler*innen beobachte ich tatsächlich Unterschiede zwischen Jugendlichen, die bereits über Jahre Schauspielerfahrung gesammelt haben, und jenen, für die diese Situationen noch völlig neu sind. Das bedeutet nicht, dass die einen automatisch besser schauspielern als die anderen. Talent lässt sich nicht daran messen, wie oft jemand schon auf einer Bühne gestanden hat. Aber wer bereits Workshops, Proben und Aufführungen erlebt hat, kennt bestimmte Situationen:
- Das Herz schlägt schneller, obwohl man eigentlich weiß, dass man den Text kann.
- Ein Einsatz kommt zu früh.
- Man vergisst einen Satz.
- Jemand auf der Bühne macht etwas völlig anderes als erwartet.
- Das Publikum reagiert anders als gedacht.
- Eine Szene funktioniert bei der Probe wunderbar und plötzlich überhaupt nicht.
- Oder man steht backstage und weiß: In drei Minuten bin ich dran.
Wer solche Situationen schon einmal erlebt hat, weiß irgendwann: Das geht vorbei. Ich kann damit umgehen. Ich kann weitermachen. Diese Schauspielerfahrung ist gerade für junge Menschen, die später eine Ausbildung oder einen Beruf im künstlerischen Bereich anstreben, enorm wertvoll.
Und dann ist da noch die Gruppe
Theater ist außerdem eine ziemlich besondere Form des gemeinsamen Lernens.
Bei der BeyondBühne lernt man natürlich Bühnentechniken: Wie entwickle ich eine Figur? Wie funktioniert Präsenz? Wie entsteht eine Szene? Wie erzähle ich eine Geschichte? Wie entsteht aus ersten Ideen ein gemeinsames künstlerisches Projekt?
Aber man lernt noch etwas anderes: Man wird Teil einer Gruppe.
Gerade für Jugendliche, die sich für Schauspiel, Tanz oder Film interessieren, kann das einen großen Unterschied machen. Plötzlich trifft man andere, die ähnlich ticken. Die vielleicht genauso gerne Geschichten erfinden, auf der Bühne stehen oder vor der Kamera arbeiten. Die dieselben Fragen haben: Bin ich gut genug? Traue ich mich? Was denken die anderen? Wie werde ich besser?
Und dann passiert etwas, das man schwer in einem einzelnen Workshop vermitteln kann: Man wächst gemeinsam. Man erlebt eine erste gelungene Szene miteinander. Man steht gemeinsam vor Publikum. Man ärgert sich über eine misslungene Probe. Man probiert etwas Neues aus. Man bekommt Feedback. Man sieht, wie andere mutiger werden – und merkt irgendwann, dass man selbst ebenfalls mutiger geworden ist. Diese Peers werden zu einem wichtigen Teil des Lernprozesses.
So mag es auf den ersten Blick verwundern, ist aber bei genauerer Betrachtung ganz logisch: Um auf einer Bühne zu stehen, muss ich nicht unbedingt extrovertiert sein. Viele unserer Teilnehmenden würden sich selbst als eher schüchtern beschreiben. Im Proberaum – und dann später auch auf der Bühne – passiert jedoch etwas ganz besonders, wie eine langjährige Teilnehmerin an mich herantrug:
„Ich kann hier in eine andere Welt abtauchen und den Alltag hinter mir lassen.“
Der erste Auftritt muss nicht perfekt sein
Vielleicht ist das überhaupt der wichtigste Punkt: Der erste Auftritt muss nicht beeindruckend sein. Er muss nicht zeigen, dass jemand schon Schauspieler*in ist. Er muss nur zeigen, dass jemand bereit ist, es auszuprobieren. Denn Schauspielerfahrung entsteht nicht dadurch, dass man wartet, bis man gut genug für die Bühne ist. Man wird besser, indem man auf die Bühne geht.
Oder, wie es eines unserer Mitglieder vor kurzem zusammenfasste:
„Anfangs fühlt sich alles langsam an. Aber dann merk ich, ich kann das. Und plötzlich geht alles so schnell vorbei. Ich fühle viel, wenn ich auf der Bühne stehe. Aber am meisten fühle ich mich stolz.“
Ob daraus irgendwann ein Beruf wird, muss zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht feststehen. Vielleicht bleibt es ein Hobby. Vielleicht wird daraus eine große Leidenschaft. Vielleicht führt der Weg tatsächlich in eine Schauspielschule, an ein Konservatorium, vor die Kamera oder auf eine professionelle Bühne. Aber ganz egal, wohin der Weg führt: Zu spät für den ersten Auftritt ist es nicht. Und wahrscheinlich ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt.
Gregor Ruttner-Vicht, MA MSc
Theaterpädagoge & Geschäftsführer der BeyondBühne
